Pladoyer für Grundlagenausdauer und mehr Ruhe

blog_trainingswissenschaft_grundlagenausdauerEs wird gerannt was die Puste hergibt, es muss in immer kürzerer Zeit immer mehr erreicht werden, “Pushing Limits!”/”Überschreite deine Grenzen!” oder so ähnlich steht es in jedem dritten Fitness- oder Lauf-Artikel, ohne Vorbereitung diktiert die App die Sprintgeschwindigkeit, es muss gleich im zweiten Jahr der Marathon sein – Zeit egal,  es muss im dritten Jahr der Ultra-Lauf sein, im gleichen Jahr noch Ultra mit Trail kombiniert und zu den erheblichen Laufkilometern noch etliche Höhenmeter dazu, in Sandalen x km rennen, in vier Wochen müssen x kg Gewicht runter und die Strandfigur her, es wird noch halb in der Nacht trainiert oder abends spät, der Schlaf ist überflüssig, die Familie muss es aushalten, in der Arbeit gleichzeitig die Beförderung oder ansteigender Projektdruck, es gibt Vorträge “Marathon macht Manager!” und was nicht alles, überall wird Vollgas gegeben, die 100%-Energie-pro-Tag-Regel wird außer Kraft gesetzt und körperliche Schmerzen weggedrückt, psychische garnicht erst gemerkt … Funktioniert! Keine Frage! Alles machbar! … Nur wie lange? zu welchem Preis? Auf wessen Kosten?

Deswegen einfach mal etwas mehr Ruhe in das Leben bringen, weniger Facebook-Selfies in oder nach jedem Lauf, in Ruhe gut gekaut essen, ausreichend Schlaf, das Smartphone gegen ein Buch austauschen, die Kinder auch mal nicht in den Babyjogger, sondern mit ihnen spielen, nicht bei jedem Laufevent/-treff eines Sportartikelherstellers-/-laden mitmachen, nur noch ein hartes Tempotraining die Woche, die anderen 2-3 Einheiten einen ruhigen – einen tatsächlich ruhigen – Dauerlauf und das gesetzte Ziel bei Level und Vorbereitungsdauer realistisch ansetzen.

Mit genug Schlaf und nicht jeden Tag hohe Intensität oder Umfänge oder beides gleichzeitig werden in der Ruhe zwischen den Trainingseinheiten die gesetzten Trainingsreize auch verarbeitet. In der Regenerations- und Kompensationphase tritt eine verläßliche Verbesserung ein – ohne Verletzung, ohne Gereiztheit und mit eigener Zufriedenheit. Sind dazu noch zwei von drei Läufe in der Woche eben im Dauerlauftempo, dann sind auch später im Jahr hohe Intensitäten verarbeitbar oder mit mehreren Jahren “Trainingsalter” im Laufen auch die hohen Umfänge für ein seriöses Marathontraining oder die Vorbereitung auf einen Ultra.

muc_englgarten_mrz2016_bild03Nicht ohne Grund wird sowohl im Lauf- wie auch im Krafttraining und auch in weiteren Sportarten immer in der Saisonplanung eine Ausdauergrundlage als Basis für alles weitere (Intensitäts- / Umfangsteigerung, Schnelligkeit, Sprung, …) vorausgesetzt und in einer Trainingseinheit selber gilt Koordination vor Schnelligkeit vor Kraft vor Ausdauer. Deswegen hört seriöses Training auch spätestens da auf, wo in einer Einheit alles durcheinander gemischt wird – und kein ein Bezug zum Tag davor und Tag danach von jedem Teilnehmer einzeln gezogen wird. Und manch Läufer wird sich dabei erwischen, dass wiedermal der lange Lauf viel zu schnell war und das Tempotraining war eigentlich noch zu langsam… und warum das ganze? Weil die Zeit fehlte und man die eine ausgefallene Einheit wegen schlechtem Gewissen noch in der anderen nachholen will, was sich dann auch regelmäßig wiederholt.

Fazit: Einfach mal das Training als vollwertigen Teil des eigenen Lebens, der eignenen Woche, des eigenen Tages betrachten, auch auf die echte Ruhe achten und einfach mal ehrlicher, fairer und zufriedener mit sich selber sein.

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