Lauf-Psychologie – Eine Abhandlung

Hund und Ruhe

Warum fühlt sich das Loslaufen immer so schwer an? Warum braucht man immer ein Weile, bis das Laufen wirklich frei ist, man im Fluß ist und die Gedanken frei schwirren können? Warum ist man nach einem einstündigen Lauf entspannter als nach einer einstündigen Fernsehsendung auf dem Sofa? Woher kommt der innere Schweinehund und wie kann man ihn austricksen? Viele Fragen stellen sich bei diesen Themen. Der Körper läuft nicht nur mechanisch vor sich hin, sondern auch das Seelenleben arbeitet und hat Wünsche. Um diese Fragen beantworten zu können und hinter das Geheimnis der Psychologie des Laufen zu kommen, erläutern wir zunächst die eigentlichen Abläufe.

Grundmotive des Laufens – aus zwei Richtungen

Welche Motivation kann es geben, mit dem Laufen zu beginnen? Häufig wird eine Stagnation im eigenen Leben festgestellt. Im Beruf wird immer das Gleiche abverlangt, die Perspektive fehlt, und im Privaten entwickelt sich eine Monotonie. Da ist ein Impuls zur Aktivität gefordert, und das Laufen bietet hier eine sehr gute Möglichkeit. Im Gegenteil dazu kann es aber auch sein, dass im heutigen digitalen Zeitalter ein Impuls zur Ruhe gesucht wird. Alles muss gleichzeitig und ohne Aufschub erledigt werden, durch das Mobiltelefon ist eine vollständige Erreichbarkeit garantiert, und Forderungen von außen warten in jedem Lebensbereich auf den Menschen.

Aus beiden Richtungen kann somit ein Verlangen nach dem Laufen entstehen. Es kann zum einen Bewegung ins Leben bringen, Ziele aufzeigen, Befriedigung geben, neue Kontakte knüpfen oder einen wesentlichen Teil zur Gesundheit beitragen. Aber es kann auch zum anderen nach einem anstrengenden Arbeitstag wieder “runterbringen”, den Tag verarbeiten und Ruhe vor allem Gleichzeitigen schaffen – Laufen ist analog, ein Bein vor das andere – nacheinander!

Loslaufen – der Ablauf

Der Arbeitstag ist geschafft, der Kopf ist voll mit Ballast, und es wird nach einem “Abschalten” gesucht. Der Fernseher läßt alles eher noch weiter im Kopf drehen, und so kommt – fast unterbewusst – der Entschluß, laufen zu gehen. Mit dem Anlegen der Laufkleidung ist auch der letzte Widerstand gebrochen. Es geht raus an die frische Luft.

Doch was ist das? Die ersten Meter fallen richtig schwer, die Beine wollen nicht, der Kopf wehrt sich. Es macht keinen Spass. Doch Sie laufen weiter, und mit dem Verlassen der Straßenschluchten und Eintauchen in den Wald fühlt es sich plötzlich sehr angenehm an. Die ersehnte Befreiung setzt ein. Viel zu schnell losgelaufen zwingt Sie die Atmung in einen angenehmen Laufschritt – Sie konzentrieren sich jetzt nach diesem langen Tag erstmals auf sich selbst, auf die Atmung und den Laufschritt. Nach einer Weile setzt Schwitzen ein, der Kopf gibt langsam seinen Widerstand auf, und die Natur wird wahrgenommen. Der Lauf fühlt sich rund an. Manchmal an bestimmten Tagen setzt dann eine Art Tagtraum ein – es kommen Erinnerungen, Erlebtes und zu verarbeitende Dinge in den Sinn, und man schaltet ab. Es kann in seltenen Fällen passieren, dass sich dieser mentale Zustand in einen einzigen Glückmoment verwandelt, der aber verschwindet, sobald man ihn fassen möchte. – Wieder daheim entsteht nach einer angenehmen Dusche ein wohliges Gefühl von Freiheit und Zufriedenheit, der Kopf ist frei und die Beine müde.

Das Loslaufen ist ein Prozess, der zum einen im Mechanischen stattfindet, aber zum anderen auch zu einem nicht unerheblichen Teil im Unterbewussten. Der Ablauf ist erfassbar, aber gehen wir nun auf die Wirkmechanismen und die Abläufe im Unterbewussten – dem “Seelischen” – ein.

Wirkung des Laufens – Modulationskraft des Rhythmus

Im Verlauf eines Laufes wechselt das Empfinden vom Unrunden, Mühsamen und von Widerstand Geprägten zu einem Runden, Leichten und von freien Gedanken Geprägten. Hervorgerufen wird das durch das andauernd gleichförmige, d.h. zyklische Wiederholen der Laufbewegung. Das wirkt sich lösend auf das durch den Alltag sehr fest und starr geprägte Gefüge im Seelischen. Bereits im Jahre 1923 hat der Psychologe René Spitz auf diese Wirkung aufmerksam gemacht. Nach ihm kann Rhythmisches seelische Zustände sowohl auflösen also auch konstituieren. Als Säugling wurde bereits der rhythmische Herzschlag der Mutter als ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit empfunden. Die über den Lauf hinweg langsam einsetzende automatische, unterbewusste Koppelung von Schritt und Atmung ist eine ähnliche Wirkung.

Anmerkung: Seien Sie daher vorsichtig mit Regeln, wie “vier Schritte Einatmen, drei Schritte Ausatmen”! Der Körper regelt die Bedürfnisse selbstständig. An dieser Stelle würden Sie das schöne Gefühl des Laufes eher stören. Ebenfalls ist mit einem Rhythmus von außen durch Musik vorsichtig umzugehen.

Laufen mit Musik

Loslaufen – das Seelische

“Der Anfang ist nicht nur ein körperliches Problem. Psychologisch bedeutet der Start eines Laufes, all das mitzunehmen, ja mitnehmen zu müssen, was gerade da ist im Seelenleben. Und das ist meist recht Vieles und Unterschiedliches. Warmlaufen bedeutet, dieses Viele und Unterschiedliche in seinen Qualitäten in eine Reibung miteinander zu bringen, aus der sich dann ein Gleichklang resp. Rhythmus einstellt, eine Linie im Seelenleben, die durchgehalten wird. Das Seelische lässt ein solches Reiben eingangs nur ungern zu, weil es eine vorhandene Ordnung erst einmal über der Haufen wirft. Fühlbar wird dieser erste Umbildungsprozess durch das Gefühl der Schwere, Unausgeglichenheit, Trägheit, des Unrunden und Mühsamen.” [1] In diesem Prozess kämpfen zunächst der Wunsch diese vorhandene Ordnung zu halten gegen die Dinge, die man mit in den Lauf genommen hat und die verarbeitet werden möchten. Die unterschiedlichen psychischen Verfassungsansprüche kommen beim Warmlaufen in Reibung – die alte und neue Verfassungen ringen miteinander! Entscheidend ist es jetzt, diese Veränderung, dieses Reiben zuzulassen, und dazu sind als Mittel der Rhythmus der Laufbewegung, die “materielle” Laufkleidung und nicht zuletzt auch ein Hineinlaufen in einen Wald zu nennen. Ein Lauf impliziert also häufig eine Entwicklung vom materiellen Erleben hin zu einer psychischen Arbeit, die notwendig ist, um dieses Reiben zuzulassen und dann den Übergang in eine neue psychische Verfassung zu erleben. Es ist wie ein Übergang von “ich denke” zu “es denkt” und kann sogar ein Übergleiten in eine Art Tagtraum verursachen. Jedoch stellt sich dieser neue, freie Raum nicht einfach automatisch ein, denn “Altes und Neues streiten miteinander, fordern ihren Raum zum (Aus)gelebt-werden.” [1]

Lassen Sie die Gedanken zu, lassen Sie das mühsame Reiben zu Beginn des Laufes zu, Überwinden Sie sich und laufen einfach los – Rufen Sie sich dafür immer das schöne und entspannte Gefühl in den Kopf, dass Sie danach haben. – Aber wie sind jetzt diese Ansätze in einem Trainingsplan umsetzbar, der u. U. auch mal Tempoläufe oder Intervalle vorsieht? Betrachten Sie es differenziert.

Komfortzone

Unterscheiden Sie in einer strukturierten Vorbereitung die Läufe aus Ihrem Trainingsplan in Bezug auf Ziel und Ausrichtung. Ein Tempo-Lauf, Tempo-Intervalle, Fahrtspiele, Berg-Intervalle oder submaximale Intervalle haben das Ziel, die Grundschnelligkeit des Läufers zu erhöhen und verlassen bewusst und mit Absicht den Pulsbereich der Komfortzone – sie dienen also einer Verbesserung der physischen Fähigkeiten, was eine volle Konzentration der Psyche erfordert. Haben Sie einen langen Lauf im Grundlagen-Bereich mit konstatem Lauftempo auf dem Programm, dann können Sie ein “Abschalten” erwarten.

Schweinehund

Schweinehund

Diesen kleinen Kameraden gibt es nicht. Er ist ein Sinnbild für den o. g. Widerstand gegen das Verschmelzen des Ich und Es – also das Zulassen, die vorhandene Ordnung über den Haufen zu werfen und den Tag zu verarbeiten, beiden Welten zusammenkommen zu lassen. Mehr nicht! Aber pflegen Sie “ihn” mit einer kleinen, schon davor fest versprochenen Belohnung nach dem Lauf! Sehen Sie ihn nicht als Feind, sondern nehmen sie den Kameraden mit zum Laufen. Er kann zu einem treuen Begleiter werden.

Bleiben Sie gesund.

[geschrieben 2012 unter “Stichwort: Laufpsychologie” für SmartRunning, München, Link: www.smartrunning.de]

[1] Marlovits, A. M.: Lauf-Psychologie 4. Aufl., Regensburg: Lauf- und Ausdauersportverlag, 2008

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